Uta Gerlach
Ein Bild hat Begrenzungen.
Wahrnehmung ist fließend, folgt wechselnden Impulsen, fokussiert. Das extrem schmale horizontale Format macht ein Sehen in Bewegung möglich, öffnet und verknüpft Bildfläche und Zeit.
Panorama von altgriechisch pan „alles, ganz“ und horao „sehen“
Nicht alles – aber mehr.
Ich zeichne Bäume, Wald, Wiesen, Felder, Windräder und Strommasten.
- Die Aussicht von meinem Lieblingsplatz an einer Wiese bei Groß Briesen im Hohen Fläming bei Berlin.
- Die Straße zwischen Groß- und Klein-Briesen. Stromleitungen.
- Ein kleines Stück weiter die Freifläche, auf der die beiden Dörfer liegen. Die Allee dazwischen. Jedes Jahr verschwinden ein paar Bäume. Kränkeln, Sturm.
- Die Landschaft in der Nähe von Bad Freienwalde: Hügel, große Felder, Windräder.
Den Einzelbildern und Panoramen gehen umfangreiche Bleistiftstudien vor Ort voraus.
Das Draußen-Zeichnen ist Voraussetzung für die Bilder und Panoramen.
Die Bilder werden im Atelier gemalt. Öl auf Karton 20 x 60 cm je Einzeltafel, Ölpastell auf Papier 35 x 100 cm.
Farben sind Erinnerungen. Farben haben ihre eigene Realität.
Sigrid Schulze
Eröffnungsrede zur Ausstellung „Panoramafragmente“,
Kulturprojekt Stadtinsel Havelberg 20.10.2013
Uta Gerlach: Panoramafragmente
Jeder lebt in einer Landschaft, und sei sie geprägt durch die Stadt.
Uta Gerlach wechselt zwischen der Stadtlandschaft und dem durch die Natur geprägten Raum vielfach hin und her. Sie kaufte sich ein Haus auf dem Land und verbringt dort die Wochenenden, ganze Wochen, Monate. Der zunächst fremde Landstrich ist ihr heute vertraut wie die Großstadt.
Was aber tut die Künstlerin in der Landschaft des Fläming?
Sie pflanzt, erntet, streift umher, erkundet die Gegend mit dem Blick.
Vor kurzem erst begann Uta Gerlach, hier auch zu zeichnen. Es entstanden Blätter im kleinen Format, kaum größer als ein halber Bogen Schreibpapier.
Die Zeichnungen zeigen Wiesen und Büsche, Bäume und Zäune, Strohballen und Wege. Je nachdem, wohin sich die Künstlerin von ihrem Platz aus wandte, entstehen neue Konstellationen. Drei Büsche rechts, gegenüber eine Fichte. Oder: vier Kiefern links, davor Buschwerk. Oder: eine Baumreihe am Horizont, links ein Waldstück.
„Das ist, was ich in ein, zwei Stunden schaffen kann“, sagt die Künstlerin lapidar.
Die Architektur der landschaftlichen Szenen ist bestimmt durch die Vegetation.
Büsche und Bäume drängen sich, von einem tiefliegenden Standpunkt aus betrachtet, zum schmalen Streifen zusammen. Nuanciert sind sie ins kleine Format geholt, doch bleibt die Faktur der Zeichnung weitgehend verborgen. Die Striche verbinden sich zu Tonwerten des Graphits.
Eine weitere Gruppe von Bildern dieser Ausstellung sind die in Tempera auf Karton gemalte Grisaillen; ihre Farbigkeit entsteht aus Abstufungen des Grau. Der Horizontlinie folgend, hat die Künstlerin darin die Bildräume der Zeichnungen zu größeren Landschaftsausschnitten zusammengefügt.
Die Bilder nähern sich Panoramen an – Landschaftsausschnitten, deren Breite die Höhe um ein Vielfaches übertrifft.
Wovon aber handelt diese Bildwelt? Von der Beschaffenheit einer Landschaft – aber wozu sollten wir sie kennen? Ist sie überhaupt besiedelt?
Und: welches Jahr schreiben wir eigentlich?
Die Bilder sind menschenleer.
Uta Gerlach, die Schülerin von Wolfgang Ludwig und von Johannes Geccelli, setzte sich über einen langen Zeitraum intensiv mit der menschlichen Figur auseinander: zunächst in Bildern von Menschen in ihrer sozialräumlichen Geprägtheit, später in Bildern von Figuren in freier, kreatürlicher Bewegung.
Die neuen Blätter jedoch sparen den Menschen aus, so scheint es; sie sind der Topografie eines landschaftlichen Raums gewidmet. Überdies, sie legen den Gedanken nahe, wie es wäre, wenn an einem Ort niemand wäre. Reguliert sich eine Landschaft, ein Raum nicht auch von selbst? Oder ist doch der Mensch, auch wenn nicht unmittelbar sichtbar, doch stets durch seine Handlungen präsent?
Die Bilder berühren die Frage nach der Beziehung zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem. Haben Landschaften oder Räume ein Gedächtnis?
Wie teilt es sich mit?
Wie können wir sehen, ob vor uns ein Ort vergangener Tragödien liegt oder ein Ort großen Glücks?
Die Räume, die sich in den Blättern von Uta Gerlach auftun, sind stumm. Ihre Poesie liegt im feinen, nüchternen Notat. Ihr Handlungspotential bleibt indifferent, doch voller Spannung. Wir spüren die flirrende Sekunde zwischen dem, was war, und dem, was geschehen könnte, und verstehen: das ist der Spielraum der Freiheit.
Sigrid Schulze
Eröffnungsrede zur Ausstellung „Panoramafragmente“
Havelberg 2013
Christiane Grathwohl, Kunstverein Kirchzarten
Uta Gerlach – Panorama – Malerei
Rede zur Eröffnung 18.10.2020 von 11 – 13 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,
Uta Gerlach wurde 1956 in Dornstadt bei Ulm geboren, studierte Grafik-Design in München und kam Ende der 1970er Jahre nach Berlin um dort an der Hochschule der Künste Malerei zu studieren. Sie ist Meisterschülerin von Prof. Johannes Geccelli.
Ihr Lebensmittelpunkt liegt in Berlin und seit 1996 auch in einer Gegend südwestlich von Berlin, die den schönen Namen Hoher Fläming trägt. Es ist ein Landstrich, in dem im 12. Und 13. Jahrhundert hauptsächlich Flamen angesiedelt wurden. Der Name ist geblieben. Dieser Landstrich zeichnet sich durch Weite, leichte Hügel, umfangreiche Kiefernwälder und wenig Bevölkerung aus. In den Wäldern ist ein großes fast ovales Gelände freigelassen und besteht aus Feldern und Wiesen. In der Mitte fließt ein kleines Flüsschen. In diesem Oval liegen die Dörfer Groß-Briesen und Klein-Briesen, verbunden durch eine Allee mit Bäumen. Die einzige Attraktion ist ein Reiterhof, eine menschenleere Gegend. Hier herrscht eine große Ruhe, die Natur lockt nicht mit Sensationen. Die meisten Großstädter langweilen sich hier. Dieser glückliche Umstand macht den Hohen Fläming zum idealen Ort für die malerischen Vorhaben von Uta Gerlach. Hier hat sie, die sich zuvor in ihrer Kunst ausschließlich für das Thema Mensch interessierte, zur Landschaftsmalerei gefunden.
Tastend und vorsichtig näherte sie sich dem ihr bis dato Unbekannten an. Die Landschaftsmalerei stellt ihre eigenen Forderungen und die malerischen Erfahrungen, die bei der Bewältigung von Figur und Körper gesammelt werden, lassen sich nicht eins zu eins auf die Landschaft übertragen. Nicht umsonst waren in früheren Zeiten die Aufgaben verteilt. Einige Maler waren für die Figurendarstellung zuständig, die anderen malten die umgebende Natur, den Blick hinaus in die Landschaft.
Vor etwa zehn Jahren begann Uta Gerlach die Aussicht von ihrem Lieblingsplatz an einer Wiese nicht nur zu betrachten, sondern auch zu zeichnen. Fast zwei Jahre lang entstand bei jedem Aufenthalt im Fläming, und wenn das Wetter es zugelassen hat, täglich eine kleine Zeichnung, immer im gleichen Format DIN A5, wie aus einem Schulheft.
Schließlich, nach diesen ausgiebigen Zeichenexerzitien, kam der nächste Schritt, die Blätter wurden als Vorlagen für Ölbilder verwendet. Die Ölbilder sind alle in einem speziellen Format. Sie haben eine Höhe von 20 Zentimetern und eine Breite von 60 Zentimetern. Das DIN A5 Format der Zeichnung musste also in dieses extreme Querformat des Ölbilds übertragen werden. Dass es zu dem besonderen Querformat des Malkartons kam, war ein Zufall, eigentlich ist es sogar aus einem Abfallprodukt entstanden. Beim Schneiden von Passepartouts für die Präsentation von Papierarbeiten in einem Berliner Museum – ein früherer Job von Uta Gerlach – blieb ein breiter Streifen in diesem Format übrig, wurde gesammelt und war schließlich stapelweise vorhanden, zu schade zum Wegwerfen und wie der Zufall es wollte, war das genau das richtige Format für die aktuellen Ölbilder.
Zunächst waren diese als Einzelbilder gedacht. Doch schnell wurde klar: das reicht nicht. Der Blick schweift in dieser Landschaft im weiten Halbrund und genau diese Weite und Entgrenzung sollte sich auch in den Bildern wiederfinden. Uta Gerlachs erste Panoramen entstanden. Die Einzelbilder waren Ausschnitte und erst in der Aneinanderreihung werden sie zum Ganzen. Ein Ausblick von mindestens 90 bis 180 Grad eröffnet sich und kommt der Realität des Rundumblickens in der Landschaft sehr nahe.
Markierungen in der leeren Weite sind die Bäume, die vereinzelt auf den Wiesen stehen bzw. am Straßenrand eine Allee bilden. Es sind Kastanien und Birken. Mit ihrem Laubwerk unterscheiden sie sich stark vom umgebenden Wald, der zum überwiegenden Teil aus Kiefern besteht. Menschengemachte Landmarken, wie Telegrafenmasten, Zaunpfähle, schwarz-weiße Straßenbegrenzungen und Hochsitze rhythmisieren auf ihre Weise die Natur. Hohe Himmel und niedrige Horizonte suggerieren Weite, auch im kleinen Format entfaltet sich eine poetische Offenheit.
Die Hochfläche zwischen den beiden Dörfern Groß-Briesen und Klein-Briesen verändert sich im Lauf der Jahres- und Tageszeiten. Bäume sterben ab oder werden gefällt, Wiesen werden gemäht, Felder unterschiedlich bepflanzt, alles findet seine bildnerische Form. Während in den Zeichnungen die Struktur der Landschaft erfasst wird, die Konzentration auf Verdichtungen und Leerstellen liegt, spielen in den Ölbildern die Farben die Hauptrolle. Es geht um die Stimmung, die gesamte Atmosphäre.
Die Zeichnungen entstehen vor Ort, sind Ausschnitte der gesehenen Realität. Sie sind wie Meditationen und die Grundlage von allem. Die Bilder dagegen sind eine Auslegung, sie werden im Atelier gemalt mit Abstand zur Landschaft. Uta Gerlach will nicht streng dokumentieren, doch sie will durchaus dicht an der Landschaft dranbleiben, den Augenblick, die Situation gilt es zu erfassen: Dazu gehört die Stimmung am frühen Morgen beim ersten Blick aus dem Fenster, die aus der Wiese aufsteigenden Nebel, der Sonnenaufgang im Winter, wenn kein Laub mehr an den Bäumen hängt, all dies fließt ein in die Gemälde. „Farben sind Erinnerungen“ möchte ich die Künstlerin hier zitieren. Mit der Übertragung in die Welt der Farbe, wird der Purismus der Zeichnung verlassen, etwas Neues entsteht und eine andere Sinnesebene nimmt Gestalt an. Das ungewöhnliche Bildformat – das Panorama – spielt dabei eine entscheidende Rolle. Panorama heißt aus dem Griechischen übersetzt „All-Ansicht“ oder auch „alles sehen“.
Der Blick muss auf diesen Bildern nicht fokussieren, er darf in die Weite schweifen, er darf sich verbinden mit Fantasien und Sehnsüchten. Beim Betrachten dieser kleinen und zugleich großen Panoramen kann man sich lösen von Enge und Begrenzung. Welch eine Wohltat!
Christiane Grathwohl
Eine andere Perspektive Marcelo Rezende
2025 für die Ausstellung „Landschaften“ Galerie Neukladow
Die Begegnung mit einer Landschaft löst fast instinktiv eine ästhetische Reaktion aus: ein Moment der Freude, eine emotionale Regung, oft auch ein stilles Eintauchen in die Imagination – wie uns die Romantik, besonders in der deutschen Tradition, eindrücklich gezeigt hat. Doch was wäre, wenn wir Landschaft anders betrachteten – nicht als Objekt der Deutung oder Idealisierung, sondern als einen Raum, der sich der Erzählung entzieht, der der Dramatisierung widersteht und Bedeutung bewusst offenlässt?
In der Kunst wurden bestimmte Elemente lange mit Zurückhaltung behandelt oder gar übergangen: das Leere, das Flüchtige, das Immaterielle. Die Ausstellung im Torhaus Neukladow rückt diese Aspekte ins Zentrum und eröffnet eine intensive Auseinandersetzung mit dem, was man als das Neutrale bezeichnen könnte.
Neutralität bedeutet hier keine Passivität oder Abwesenheit. Im Gegenteil – sie steht für eine stille Form des Widerstands: eine Verweigerung gegenüber dem Spektakel und der Erwartung von Eindeutigkeit. Die Landschaften, die die Künstlerinnen dieser Ausstellung zeigen, behaupten oder erklären nichts. Stattdessen öffnen sie einen Raum – für Mehrdeutigkeit, für verlangsamte Wahrnehmung, für das Ungesagte.
In den Zeichnungen und Panoramen von Uta Gerlach wird Landschaft nicht eingefangen, sondern wiederholt aufgesucht. Bäume, Wiesen, Windräder und Zäune erscheinen immer wieder, mit konzentrierter Wiederholung gezeichnet. Ihre Arbeit entwickelt sich von Einzelbeobachtungen zu weitläufigen Bildstreifen – geprägt nicht durch Kontrolle, sondern durch Offenheit. Eine sich entfaltende Sichtweise, die auf Präsenz beruht, nicht auf Auflösung.
Bettina von Hartmanns Wasserlandschaften erkunden das wechselhafte Zusammenspiel von Licht und Spiegelung auf dem Wasser. Ihre Malerei feiert das Flüchtige: Farb-Vibrationen, das Entstehen und Verschwinden von Formen. Wenn nur die Reflexion sichtbar bleibt, nähert sich das Bild der Abstraktion – das Motiv löst sich in Licht auf. Diese Werke laden nicht zur Deutung ein, sondern lassen sie sanft los.
Die skulpturalen Installationen von Agnes Immelmann verbinden Stahl, Papier, Spiegel und Rost. In Wellenspiel (2024) ruhen Papierhohlformen auf gebrochenen Eisenbahnschienen, gezeichnet von Rost und gespiegelt in einem Spionspiegel. In Waterfall (2021), entstanden nach der Flut im Ahrtal, trifft die fließende Kraft des Papiers auf die Starre des Metalls. Ihre Materialien stehen in einem fragilen Gleichgewicht – alt und neu, weich und hart, Licht und Schatten – nicht um Gegensätze aufzulösen, sondern um sie in Spannung zu halten.
So unterschiedlich ihre Materialien und Ansätze auch sein mögen, die Künstlerinnen verbindet eine gemeinsame Haltung: die Verweigerung von Dramatisierung, der Widerstand gegen abschließende Bedeutung. Diese Werke beanspruchen keine endgültige Lesart – sie laden dazu ein, länger zu verweilen, mit weniger Gewissheit zu sehen und zu fühlen, ohne zu einem Urteil gezwungen zu werden.
Hier ist Landschaft kein Bild, das eingefangen werden soll, sondern ein Feld der Wahrnehmung – still, offen und lebendig in seinem Widerstand dagegen, vollständig begriffen zu werden.
English original
Another Perspective
There is an almost instinctive response when the eyes meet a landscape: a moment of aesthetic pleasure, a stirring of emotion, and often a quiet escape into imagination — as Romanticism, particularly in the German tradition, has taught us. But what if the act of observing a landscape were approached differently — not as an occasion for interpretation or idealization, but as a space that resists narrative, avoids dramatization, and lets meaning remain unresolved?
Some elements in art have long been viewed with suspicion or passed over in silence — the void, the fleeting, the immaterial. At Torhaus Neukladow, this exhibition brings such elements to the fore, offering a sustained encounter with what might be called the neutral.
Neutrality here does not imply passivity or absence. On the contrary, it suggests a quiet form of resistance — a withdrawal from spectacle and from the expectation of clarity. The landscapes presented by the artists in this exhibition do not claim or explain. Instead, they hold space: for ambiguity, for perceptual slowness, for what remains unsaid.
In the drawings and panoramas of Uta Gerlach, landscape is not captured but revisited. Trees, meadows, wind turbines, and fences appear again and again, drawn with attentive repetition. Her work moves from individual observations to expansive strips, shaped not by control but by openness — an unfolding vision grounded in presence, not resolution.
Bettina von Hartmann’s Wasserlandschaften explore the shifting interplay of light and reflection on water. Her paintings celebrate the momentary: vibrations of color, the emergence and disappearance of form. When only the reflection remains, the image verges on abstraction — the motif dissolves into light. These works do not invite explanation, but gently release it.
The sculptural installations of Agnes Immelmann bring together steel, paper, mirror, and corrosion. In Wellenspiel (2024), paper forms rest on broken railway tracks, marked by rust and doubled in a spy mirror. In Waterfall (2021), created after the Ahr Valley flood, the flowing force of paper confronts the rigidity of metal. Her materials interact in fragile balance — old and new, soft and hard, light and shadow — not to resolve opposites, but to hold them in tension.
Though their materials and approaches differ, the artists share a common sensibility: a refusal to dramatize, a resistance to closure. These works do not assert fixed meaning — they ask us to stay a moment longer, to see with less certainty, and to feel without the need to conclude.
Here, landscape is not an image to be captured, but a field of perception — quiet, open, and alive in its resistance to being fully known.